Juan de Fuca Trail 1

Veröffentlicht auf von Nadja + Reinhard

29. Mai -Nadja-

Nachdem wir bis nach Mitternacht am stockfinsteren Strand die Milchstraße und 100.000 andere namenlose Sterne angestaunt hatten, gingen wir vernünftigerweise endlich ins Bett. Am Morgen wurden wir durch den Sonnenschein auf unserem Zelt geweckt. Voller Vorfreude entrollten wir unsere Körper von Schlafsack und schlaffer Luftmatratze. Ja, die hatte wohl ein neues Loch. Beim Zähneputzen besahen wir uns eine eigenartige Wolkenwand, die sich über die Bucht auf unseren Strand zubewegte. Direkt über dem Wasser waberte die weiße Masse mit mindestens 50 Km/h. Von See flüchtende Möwen, welche Schutz in der Bucht suchten, waren ebenfalls kein gutes Zeichen. Zum Glück zog der Nebel des Grauens nicht unmittelbar auf unseren Campingplatz zu, sondern kam schräg einige dutzend Meter weiter den Strand hinauf. Dort wo er auf das Land traf verschwanden Bäume und Berge in undefinierbarem Grau. Wir haben doch alle "Die unendliche Geschichte" gesehen? Erinnern wir uns auch noch an das "Nichts"? So etwa sah der Effekt aus.

Wir hatten allerdings zu viel zu tun, als das wir nur auf den faszinierenden Nebel hätten starren können. Wir fertigten unseren Reiseproviant, packten unsere Rucksäcke mit Jacken und Wasser und fuhren zum 1. Trailhead des Juan de Fuca Trails. Dieser liegt an der Westküste von Vancouver Island zwischen Port Renfrew und River Jordan.
Dieser Abschnitt des Westcoast-Trails ist eher unbekannt. Er führt durch den Regenwald an der Küste entlang und verspricht spektakuläre Aussichten. Einige Abschnitte sind nur bei Ebbe zu begehen, weil der Trail durch die Gezeitenzone läuft. Wir waren gespannt. Heute sollte es nur der Abschnitt von Botanical Bay bis "Lass mal umkehren" sein.

Am Parkplatz des Trailheads angekommen, sahen  wir erstmal die Parkgebühren. Auch die waren vor 13 Jahren noch nicht dagewesen, aber 3 $ waren zu verschmerzen. Von hier startete ein 1 Km Rundweg, diesen konnte man aber auch gekonnt umgehen und ohne Umwege direkt auf dem Juan de Fuca Trail entschwinden. Wir entschieden uns für Tor 2. Der Weg führte uns in den Wald hinein, das kannten wir ja schon. Alte Bäume und viel Moos. Erster Halt war Botany Bay, eine kleine, eher unscheinbare Bucht, über eine Holztreppe zu erreichen. Wir warfen einen Blick hinunter. Hmm. Nee, lieber schnell weiter. Nach 500 Metern kamen wir am nächsten, durch eine orangene Boje markierten Strandzugang an. Die Ebbe erreichte gerade ihren Tiefststand, und so kletterten und liefen wir am Strand weiter. Hier wechselten sich verschiedene Gesteinsformationen ab. Sandstein, Schieferplatten und vulkanischer Granit. Über- und nebeneinander, ein gigantisches Schiebepuzzle aus Urzeiten. Wir sagten Hallo zum kanadischen Schelf.

Wir kamen bei Botanical Bay an. Hier lag eine haushohe Sandsteinschicht, eingeschlossene und durch die Brandung ausgewaschene, härtere Steine hatten Löcher geschaffen, diese waren im Laufe der Zeit immer größer geworden, und Voilá; die Tidal Pools waren geboren. Von diesem Schauspiel konnten wir uns nur schwer wieder loseisen. In jedem Loch ein eigener maritimer Garten. Klares, kaltes Pazifikwasser ermöglichte einer Unzahl an Muscheln, Krebsen, Krabben, Seesternen, Seeigeln in Pink und Lila, grün-rosa und türkisen Annemonen und kleinen Fischen, sowie seltsam urigen Chitons, das Überleben. Fas-zi-nierend! Leider war das kein Insidertip, und so verfolgte uns eine aufgeregte Menge den Strand entlang. Reinhard wollte dieser entfliehen, also legten wir einen Zahn zu. Zwei Kurven weiter gings nicht mehr über die Steine am  Strand weiter und wir verschwanden bei der nächsten orangenen Boje im Wald.

Hier sollte der Trail erst so richtig spannend werden. In letzter Zeit hatte es doch auch geregnet und so war der Weg mit durchgewühlten Modderpfützen gespickt. Einen enormen Aufwand haben die Kanadier hier betrieben. Durch den ganzen Wald zogen sich die Holzpfade, provisorischen Minibrücken und -treppen, über kleine Bachläufe und Steigungen. Wir wurden langsam warm und kämpften uns den Weg hinauf und hinab, über eine Brücke an einem kleinen Wasserfall vorbei bis zu einem perfekten Rastplatz. Dort stiegen wir wieder auf den Basalt hinaus an den Pazifik, weit oberhalb der Flutlinie gelegen aßen wir unser Mittagsmahl und überlegten, ob wir weiterlaufen wollten. Reinhard wollte eigentlich noch, aber ich schaute auf die Uhr konnte ihn überreden, umzudrehen. Zurück ging der Weg durch den Wald, wir hielten nicht mehr bei jeder tollen Wurzel und sparten uns auch den einen oder anderen Strand. So brauchten wir für den gleichen Weg nur 1 Stunde. Komisch, hin warens noch 3.

Auch die Tidal Pools wollten wir nochmal beschauen, aber die Sonne war weg und die kleineren Pools fingen bereits an zu schäumen. Bäh. Ne, das war vorhin einfach schöner. Bis zum Auto warens noch 1,5 Km, diesmal nahmen wir den gut ausgebauten Rundweg. Hier liefen uns jede Menge Deutsche entgegen. Leicht auch ohne Sprachtest zu erkennen, unsere Landsleute grüßen einfach nicht. Die meisten gucken dich nicht mal an! Selbst ein freundliches Hi! oder Hallo! entlockte ihnen kein Lächeln. Seltsam, wir waren schon so an die belanglose Superfreundlichkeit hier gewöhnt, dass wir dieses Verhalten doch tatsächlich unhöflich fanden. Wie das wohl zurück zu Hause wird? Hoffentlich sperren die mich nicht ein, weil ich mit Dauerlächeln fremden Menschen Komplimente mache!

Wir fuhren noch einen Trailhead weiter, nur um mal einen Blick auf weitere Optionen zu werfen. Dieser lag mitten im Wald, und man kam nur über eine holprige Schotterpiste hin. Angekommen sahen wir, dass man erstmal 4 Km vom Parkplatz laufen musste, um bis zum Trail zu gelangen. Nee, das wollen wir denn doch nicht mehr. Wir hatten heute schon 10 Km über Stock und Stein hinter uns, und beide merkten wir unsere Beine.

Am heimischen Campingplatz angekommen, gabs erstmal Kaffee, dann eine Feuerholzsammelsession und endlich einen Hotdog. Der Platz füllte sich mit Menschen und ihren ungezogenen Hunden. Ganze Partykommunen wurden aufgebaut, aber erstaunlicherweise waren alle sehr ruhig und noch schneller in ihren Zelten verschwunden. Man will ja morgen auch noch feiern können, eh?

Morgen fahren wir nach Sombrio Beach und laufen einen weiteren Tagestrip über den Juan de Fuca Trail. Inklusive Hängbrücke! Ich bin gespannt.
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