Strathcona Park Teil 2

Veröffentlicht auf von Nadja + Reinhard

15. Mai -Nadja-

Hahahaaa! Ich bin zurück! Die Nacht wurde erwartungsgemäß arschkalt. Kein Wunder; von den mit Schnee gesprenkelten, in Sichtweite liegenden Gipfeln wehte ein kühles, stetiges Lüftchen gen Tal und zog dabei genau über dem Ralph River entlang, direkt neben unserem Zelt. Einmal wurde ich von meinen protestierenden Kaltmauken geweckt. Ich entschied mich nach kurzem Nachdenken dafür, das Ganze zu ignorieren, und wieder einzuschlafen. Das war auch wundersamerweise kein Problem. Nach dem endgültigen Erwachen wurde ich darüber aufgeklärt, dass ich mich Wärme suchend an meinen Schatz gekuschelt hatte. Das wäre ja auch schön, aber dass ich ihn dabei von der Luftmatraze wühlte dann doch weniger. Na gut. Nobody is perfect!

Sich mit voller Blase aus drei Lagen Klamotten zu wühlen, ist übrigens auch nicht ganz einfach. Nach der notdürftigen Morgentoilette gabs lecker Frühstück. Die Erdnussbutter war ein vollwertiger Fettersatz inklusive halben, gerösteten Erdnüssen. Hmpf! Ein Toastbrot damit, und die Nadja war gut gefüllt. Wir hatten uns nach der Erfahrung der angebrannten, und trotzdem labbrigen Fluffpappe, einen Toastaufsatz für unseren Gaskocher besorgt. Und oh Mirakel!, das funktionierte sogar 1 A. Beim Kaffee besprachen wir den folgenden Tagesablauf. Wir wollten ja jetzt endlich mal starten mit dem Wandern. Ein langer Blick auf das Kartenmaterial über die verschiedenen Hikes im Strathcona Park belehrte uns, dass auch die kurzen Trails teils recht steil waren. Wir entschieden uns weise dafür, mit den kürzeren, leichteren zu beginnen. Für den Tag suchten wir uns als Startpunkt die Myra Falls aus. Dorthin gefahren, gings über einen ziemlich steilen Schotterweg hinab, immer dem Rauschen nach. Die Wasserfälle dort fielen über 3 Kaskaden hinab in den Buttle Lake. Der Aussichtspunkt war genau in der Mitte der Fälle gelegen, auf dem zweiten Kaskadenabsatz. Wir konnten über wunderhübsch ausgewaschene Felsformationen bis ganz an den Wasserfall heran. Durch eine mit grossem Totholz hier und dort pittoresk gespickte Enge fiel uns das Wasser entgegen. Schäumend sammelte es sich dann in einer im Laufe der Jahrzehntausende ausgewaschenen Kuhle und sprudelte von dort weiter durch die Felsklüfte gen Tal. Sa-gen-haft! Wir waren begeistert, und machten jede Menge Bilder von uns, vom Wasserfall und allem was uns vor die Linse lief, schwamm oder flog. Die wagemutig in die Fluten tauchende, durch die Felsengen segelnde Wasseramsel haben wir leider nicht aufnehmen können. Die war einfach immer zu schnell wieder unter Wasser. Cooles, kleines Tier.

Die zweite Station war der Karst Creek Trail. Karst ist eine geologische Formation; durchsickerndes Wasser wäscht die weicheren Teile des Gesteins aus und oftmals entstehen so grosse Hohlräume unter der Erde. Der Trail versprach denn auch einen verschwindenden und wieder auftauchenden Bach. Wir folgten dem Weg in den Wald, offenbar hatte es hier vor nicht allzulanger Zeit einen großen Waldbrand gegeben. Sogar die Rinde der Zedern war gut angekokelt und überall lagen vom Feuer gefällte Bäume herum. Der Bach ließ sich lange Zeit nicht blicken, obwohl wir ihn hören konnten. Schließlich gelangten wir an das Verschwinde-Loch und waren gelinde enttäuscht. Durch den niedrigen Wasserstand sah man eigentlich gar nichts. Reinhard schlug sich sogar ins Unterholz, um das Loch zu erspähen, kam aber unverrichteter Dinge wieder heraus. Dem Weg weiter folgend, kamen wir dann an die Stelle, wo der Bach aus dem Boden kommt und hier bot sich uns der gleiche Anblick. Oder besser gesagt eben keiner. Wir fühlten uns schon leicht veralbert und verglichen das Ganze mit dem Spaziergang den wir vor einigen Jahren in der Eiffel gemacht hatten. Dort waren die angekündigten Höllenfälle auch nur ein seichtes Geplätscher mit wenig Effekt. Aber schon zwei Kurven weiter dann die grosse Überraschung. Wir stießen auf einen märchenhaft im tiefen Wald gelegenen, kleinen Wasserfall der so gut zu begehen war, dass sich der Reinhard fast genau darunter stellen konnte. Obwohl die Wassermassen massig fielen, verschwanden diese direkt an der Felswand in einem tiefen, dunklen Loch am Grund. Eingerahmt wurde das Schauspiel von riesenhaften, verknurpselten Rotzedern und wie von Gigantenhand umgewürfelten, moosigen Felsbrocken. OK. Doch einfach schön hier. Nachdem wir wieder beim Auto angekommen waren, verzehrten wir erstmal genüsslich unseren Proviant und entschlossen uns, den Tag mit einem weiteren Wasserfall zu krönen.

Auf zu den Lupin Falls. Dieser Trail war kurz, aber traumhaft schön. Jedem sehr ans Herz zu legen, der hier mal vorbeikommt. Durch einen Bilderbuch-Wald voller Farn, beinahe senkrechter Felswände hier und dort und im durch die Lücken im Blätterdach spotlightartig angestrahlten, grünglühenden Moos. Canada at its best. Dieser Wasserfall wurde einstimmig als der schönste des Tages gewählt. Aus einer dem Wald entspringenden, mit Farnen bewachsenen Felswand rauschte uns ein schmaler, aber hoher Wasserfall donnernd entgegen. Wir bestaunten und knipsten das Naturwunder ausgiebig. Über eine kleine Holzbrücke gings hinüber über den rauschenden Bach und durch den Märchenwald zurück zum Auto. Wir waren den ganzen Tag fast ganz alleine und fanden das auch gut so. Sonnenschein gabs auch, wir hatten also nichts zu bemängeln.

Reinhard fuhr uns den Weg zurück und ich zog schon mal die Fotos von der Kamera auf den Laptop, als der Ray plötzlich mitten auf der Straße anhielt. Hähh? Was? Nicht zu glauben. De Bär, de Bär! Tatsächlich, friedlich am Straßenrand stand ein Prachtexemplar von Schwarzbär und glänzte im Sonnenschein. Toll! Natürlich gabs auch davon noch ein Foto, nachdem ich hektisch den Chip von der Kamera aus dem Laptop gefummelt und wieder richtig eingesteckt hatte. Wow, was für ein Tag.

Einmal hielten wir noch an, liefen an den See runter und sammelten Feuerholz ein. Hier im Park konnte man zwar auch Holz erwerben, aber bisher kam noch keine Parkverwaltung in Sicht, bei der man hätte fragen können. Wir stopften also soviel von dem knacktrockenen Teibholz in den Wagen wie hineinpasste und machten uns auf den Weg gen Heimat. Wir entluden gerade den Stapel Holz, als die Parkrangerin vorbeikam, um uns einzutragen. Da unsere lauten Nachbarn noch nicht vom Tagesausflug zurückwaren, hatten wir die Ehre überhaupt die ersten registrierten Gäste hier zu werden. Wir bezahlten für zwei Nächte im Voraus und kauften bei der Gelegenheit noch einen großen Batzen legales Feuerholz. Jetzt hatten wir aber echt genug. Reinhard machte sich daran, die eingesammelten Brocken und Äste mit der Säge schwitzend zu zerkleinern, und ich reinigte unsere Feuerstelle erstmal von der jahrealten, nassen Ascheschicht. Bei der Gelegenheit stapelte ich auch gleich noch einige Steine hinein, damit die Scheite nicht wieder direkt auf der Erde lagen. Das zog ja letzte Nacht schon nicht.

Beim Gang mit aschegefüllter Pfanne Richtung Müllcontainer über die Straße traute ich meinen Augen kaum. Black tailed Deer! 3 Stück direkt bei den Klohäusern. Ich zog mich vorsichtig zurück, um die Kamera zu holen. Damit bewaffnet pirschte ich mich langsam wieder an die Tierchen heran. Das stellte sich als ziemlich überflüssig heraus. Die Hirsche ließen sich absolut nicht stören und waren überraschend angstfrei. Ich folgte ihnen sogar bis auf den nächsten freien Campingplatz und kam bis auf gut 3 Meter an sie heran. Gott nein, war das schön hier. Der totale Naturschock heute. Nach so viel Wildnis musste ich mich erstmal wieder beruhigen und der Reinhard auch. Das ließ sich am besten machen, bei einem schönen Kaffee und so sitze ich nun hier, schreibe Tagebuch und beobachte meinen Mann bei den Abendbrot-Vorbereitungen. Die Nacht kann kommen!

Bis demnächst,

Eure Nadja.
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